Mein Kind ist so anstrengend ich kann nicht mehr: Was tun?

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Du sitzt am Küchentisch, es ist spät, du bist müde und dein Kind schreit zum dritten Mal, weil der Becher die falsche Farbe hat. In deinem Kopf taucht ein Gedanke auf: „Mein Kind ist so anstrengend, ich kann nicht mehr.“ Und direkt danach das schlechte Gewissen. Darf ich das überhaupt denken? Die ehrliche Antwort lautet: Ja, darfst du.
Wenn dein Kind so anstrengend wirkt, dass du dich am Rand deiner Kräfte fühlst, liegt das meist nicht daran, dass du versagt hast. Es bedeutet oft, dass du dauerhaft mehr gibst, als du zurückbekommst, an Schlaf, Ruhe und emotionaler Stabilität.
Viele Eltern erleben Phasen, in denen sie denken: „Ich kann nicht mehr.“ Nach außen funktioniert vielleicht alles, doch innerlich läuft längst ein Notprogramm. Dein Nervensystem steht auf Alarm und jede neue Diskussion über Zähneputzen kostet Kraft.
Wenn du solche Gedanken hast, ist das kein Zeichen von Lieblosigkeit, sondern ein Hinweis darauf, dass deine eigenen Kräfte gerade erschöpft sind. Genau hier setzen wir an. Denn es gibt Wege, wie du wieder mehr Ruhe in euren Alltag bringen kannst.
Mein Kind ist so anstrengend und bringt mich an meine Grenzen
Es gibt Tage, an denen jede Kleinigkeit zur Eskalation führt. Das Obst ist falsch geschnitten, die Socken kratzen, der Heimweg vom Spielplatz wird zur Krise. Und irgendwann bist du einfach nur noch erschöpft. Was dabei oft übersehen wird: Viele dieser Situationen haben weniger mit „schlechtem Benehmen“ zu tun und mehr mit Entwicklung.
Kinder kommen nicht mit einem fertig installierten Emotions-Management-System auf die Welt. Ihr Gehirn befindet sich noch im Aufbau. Besonders der Teil, der für Impulskontrolle, Planung und Selbstregulation zuständig ist (der sogenannte präfrontale Cortex), reift erst im Laufe vieler Jahre.
Das bedeutet: Wenn dein Kind laut wird, trotzt oder scheinbar „ausrastet“, dann ist das häufig kein Trotz gegen dich, sondern eine Überforderung in sich selbst.
Einige Kinder reagieren dabei besonders intensiv auf Reize. Geräusche, Übergänge, Veränderungen im Ablauf oder auch soziale Situationen können sie schneller aus dem Gleichgewicht bringen.
Ihr inneres Alarmsystem, gesteuert durch die Amygdala, eine Art emotionaler Rauchmelder im Gehirn, springt früher an und braucht länger, um sich wieder zu beruhigen. Die Folge: Tränen, Wut, Rückzug oder ein Verhalten, das von außen schnell als aggressives Verhalten bei Kindern bewertet wird, obwohl es eigentlich ein Ausdruck von Stress ist.
Entwicklungsphasen können dazu führen, dass dein Kind im Alltag mehr Begleitung braucht. Besonders Übergänge, etwa vom Spielen zum Essen oder vom Toben zum Schlafen, fallen vielen Kindern schwer. Oft trifft dabei dein Stress auf den Stress deines Kindes. Zwei überforderte Nervensysteme verstärken sich gegenseitig und ihr steckt schnell in einer Spirale fest.
Wichtig ist: Dieses Verhalten richtet sich meist nicht gegen dich. Es ist ein Signal für Überforderung. Wenn du es so betrachtest, kannst du begleiten statt bekämpfen und dein Kind lernt langfristig, seine Gefühle besser zu regulieren.

Was im Alltag wirklich belastet
Viele Eltern glauben lange, dass ihr Kind besonders schwierig sei. Doch oft liegt die eigentliche Belastung im Dauerzustand, in dem du dich befindest. Zwischen Terminen, To-do-Listen und Verantwortung läuft im Hintergrund ein Prozess, der selten sichtbar ist, der sogenannte Mental Load.
Mental Load beschreibt die ständige Denkarbeit im Kopf: Wer braucht neue Turnschuhe? Wann ist der Elternabend? Haben wir noch Brot? Dieses Mitdenken hört nie auf. Dein Gehirn bleibt im Planungsmodus, auch wenn du eigentlich Pause brauchst und deine Reizschwelle sinkt.
Dann reicht ein kleiner Konflikt, etwa beim Anziehen oder bei den Hausaufgaben, und du reagierst schneller gereizt, als du möchtest. Nicht aus Absicht, sondern weil dein Nervensystem längst im roten Bereich arbeitet.
Typische Alltagssituationen wirken dann wie Brandbeschleuniger:
- Die Morgenroutine wird zum Wettlauf gegen die Uhr
- Hausaufgaben ziehen sich endlos
- Übergänge wie „Jetzt gehen wir nach Hause“ lösen Widerstand aus
- Geschwister streiten sich zum fünften Mal
- Im Supermarkt eskaliert ein Wutanfall an der Kasse
Wenn solche Momente sich häufen, entsteht schnell das Gefühl: „Ich kann nicht mehr. Manche Eltern rutschen dabei schleichend in eine Erschöpfung, die an ein Eltern Burnout erinnert. Schlafmangel, ständige Alarmbereitschaft und das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können, führen dazu, dass selbst kleine Konflikte übermächtig erscheinen.
In dieser Situation greifen viele unbewusst zu Strategien, die kurzfristig entlasten, langfristig aber alles verschärfen. Druck („Jetzt hör endlich auf!“), Vergleiche („Andere Kinder schaffen das doch auch!“) oder emotionaler Rückzug wie Liebesentzug entstehen meist aus purer Überforderung. Sie sind verständlich, aber sie erhöhen den Stress auf beiden Seiten.
Das Ergebnis: Dein Kind reagiert noch intensiver, du fühlst dich noch erschöpfter und die Spirale dreht sich weiter.
Was dir und deinem Kind jetzt helfen kann
Wenn du merkst, dass dein Alltag sich zunehmend nach „zu viel“ anfühlt, lohnt sich ein Perspektivwechsel. Dein Kind braucht in emotional aufgeladenen Momenten nicht sofort eine Lösung, sondern zunächst Regulation. Kinder lernen, mit starken Gefühlen umzugehen, indem sie erleben, wie du ihnen dabei hilfst, ein Prozess, der Co-Regulation genannt wird.
Statt also direkt zu erklären oder zu korrigieren, kannst du zunächst benennen, was gerade passiert: „Du bist wütend, weil wir jetzt gehen müssen.“ Allein dieses Spiegeln hilft dem kindlichen Nervensystem, sich zu orientieren.
In Kombination mit klaren, vorhersehbaren Abläufen entsteht Sicherheit. Struktur wirkt hier wie ein Geländer, an dem sich dein Kind festhalten kann, wenn Emotionen überrollen.
Auch die Art, wie du sprichst, spielt eine große Rolle. Eine bewusste Kommunikation mit Kindern kann Konflikte entschärfen, bevor sie eskalieren. Kurze, klare Sätze, Ich-Botschaften und ein ruhiger Tonfall unterstützen dein Kind dabei, sich gehört zu fühlen, ohne dass Grenzen verloren gehen.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Dein Spross weigert sich, die Jacke anzuziehen. Statt „Zieh jetzt sofort die Jacke an!“ könntest du sagen: „Du willst weiterspielen.“ Gleichzeitig müssen wir los. „Ich helfe dir beim Anziehen.“ Du bleibst bei der Grenze, aber begleitest die Emotion.
Manchmal reichen solche Anpassungen nicht aus, etwa wenn sich das Verhalten deines Kindes stark verändert oder dauerhaft belastend bleibt. In solchen Fällen kann externe Unterstützung sinnvoll sein, zum Beispiel durch eine Elternberatung oder einen Kinder Coach.
Wichtig ist: Du musst diese Herausforderung nicht alleine bewältigen. Unterstützung anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung, dir selbst und deinem Kind gegenüber.
Und ja, du darfst sagen: „Mein Kind ist so anstrengend, ich kann nicht mehr. Dieser Satz kann der erste Schritt sein, um etwas zu verändern, damit sich Familienalltag irgendwann wieder leichter anfühlt und aus Dauerstress neue Handlungsmöglichkeiten entstehen.

4 Strategien für herausfordernde Momente
Wenn der eine Gedanke regelmäßig auftaucht, brauchst du keine perfekten Erziehungskonzepte, du brauchst Strategien, die im echten Leben funktionieren. Nicht im Bilderbuch. Sondern morgens um 7:12 Uhr, wenn ihr beide eigentlich schon losmüsstet und dein Kind plötzlich barfuß im Flur sitzt und weint, weil die Hose „falsch“ ist.
Hier sind vier alltagstaugliche Ansätze, die euch entlasten können:
- Co-Regulation statt Kontrolle: Dein Kind kann sich nicht immer selbst beruhigen, es leiht sich dafür dein Nervensystem. Wenn du laut wirst, steigt sein Stresslevel. Wenn du ruhig bleibst (auch wenn du innerlich kochst), bekommt sein System die Chance, sich mitzuregulieren. Das bedeutet nicht, alles zu erlauben, sondern Emotionen zu begleiten, während du die Grenze hältst.
- Übergänge vorbereiten: Viele Konflikte entstehen nicht im Tun, sondern beim Wechsel. Vom Spielplatz nach Hause, vom Tablet ins Bett, vom Toben zum Essen. Kündige Übergänge frühzeitig an: „In fünf Minuten gehen wir.“ Das gibt dem kindlichen Gehirn Zeit, umzuschalten.
- Gefühle benennen: Wenn du aussprichst, was dein Kind gerade fühlt, kann ihm das helfen, sich schneller zu beruhigen. Sag zum Beispiel: „Du bist traurig, weil dein Turm umgefallen ist.“ Allein dieses Verstandenwerden kann inneren Stress reduzieren und deinem Spross dabei helfen, wieder in die Balance zu finden.
- Struktur statt Diskussion: Wiederkehrende Abläufe sparen Energie. Wenn Zähneputzen jeden Abend zur Debatte steht, wird es zur Bühne für Machtkämpfe. Wird es zur festen Routine („Erst Pyjama, dann Buch, dann Zähneputzen“), entfällt die Entscheidung und damit ein Konfliktpotenzial.
Diese Strategien wirken vielleicht unscheinbar, können im Alltag aber einen großen Unterschied machen. Denn je mehr Orientierung und Begleitung dein Kind erlebt, desto leichter fällt es ihm, mit starken Gefühlen umzugehen, und desto entspannter werden viele Situationen für euch beide.
Bedürfnisorientierte Reaktionen im Alltag
Ein häufiges Missverständnis ist, dass bedürfnisorientierte Erziehung bedeutet, keine Grenzen zu setzen. In Wahrheit geht es darum, Verhalten als Ausdruck eines Bedürfnisses zu verstehen, ohne dieses Verhalten automatisch gutzuheißen. Dein Spross handelt in vielen Situationen nicht, um dich zu provozieren, sondern weil es mit einem Gefühl oder einer Situation überfordert ist.
Beispiel: Dein Kind wirft im Supermarkt etwas auf den Boden. Die Handlung ist nicht okay. Das Bedürfnis dahinter könnte Müdigkeit, Hunger oder Überforderung sein. Du kannst also sagen: „Ich sehe, dass du müde bist. Ich lasse nicht zu, dass du Dinge auf den Boden wirfst.“ Emotionen begleiten, Grenzen setzen.
Methoden aus der wertfreien Kommunikation oder einfache Elemente der gewaltfreien Kommunikation helfen dabei, solche Situationen zu entschärfen. Du beschreibst, was passiert, ohne zu bewerten, und bleibst gleichzeitig klar.
Auch hilfreich:
- Wahlmöglichkeiten geben („Willst du die rote oder die blaue Jacke?“)
- Kooperation statt Befehl („Komm, wir machen das zusammen.“)
- Verbindung vor Korrektur („Ich verstehe dich und trotzdem…“)
- Übergänge ankündigen („In fünf Minuten gehen wir nach Hause.“)
- Ruhig bleiben und selbst vorleben, wie man mit Frust umgeht
- Klare, kurze Sätze statt langer Erklärungen
So lernt dein Kind, dass starke Gefühle erlaubt sind, nicht aber jedes Verhalten. Es erfährt, auch in schwierigen Momenten verstanden zu werden, ohne dass klare Grenzen verloren gehen.
Auf diese Weise fühlt sich dein Kind ernst genommen und bekommt gleichzeitig Orientierung im Alltag. Mit der Zeit kann es lernen, seine eigenen Gefühle besser einzuordnen und angemessen damit umzugehen, selbst dann, wenn Situationen herausfordernd werden.

Wann du dir Unterstützung holen solltest
Manche Situationen lassen sich mit Geduld und neuen Strategien gut begleiten. Andere brauchen mehr. Wenn dein Alltag sich dauerhaft wie ein Kampf anfühlt, dein Kind extrem impulsiv reagiert oder du merkst, dass dich die ständige Anspannung überfordert, kann es sinnvoll sein, Hilfe einzubeziehen.
Warnsignale können sein:
- Häufige, sehr intensive Wutausbrüche
- Rückzug oder auffällige Ängste
- Dauerhafte Schlafprobleme
- Starke Konflikte in Kita oder Schule
- Ein dauerhaftes Gefühl der Überlastung
Auch Themen wie „Mein ADHS-Kind macht die Familie kaputt“ oder wiederkehrende Probleme im sozialen Umfeld können Hinweise darauf sein, dass externe Begleitung hilfreich wäre. Gerade wenn sich Konflikte zuspitzen oder du das Gefühl hast, alleine nicht mehr weiterzukommen, kann ein neutraler Blick von außen entlasten.
Im Trainerverzeichnis von Stark für Kinder findest du Fachkräfte, die euch im Alltag unterstützen können, zum Beispiel bei emotionalen Herausforderungen, Konflikten oder der Stärkung von Selbstregulation.
Ein Gespräch mit einer Fachperson kann helfen, neue Perspektiven zu gewinnen und festgefahrene Muster zu durchbrechen. Gemeinsam lassen sich Strategien entwickeln, die euren Alltag nachhaltig entlasten. So entsteht Schritt für Schritt wieder mehr Sicherheit und Ruhe im Familienleben.
Fazit: Mein Kind ist so anstrengend, ich kann nicht mehr
Elternsein bringt dich an Orte, von denen dir vorher niemand erzählt hat. An emotionale Grenzen. An Tage, die sich endlos anfühlen. An Momente, in denen du dein eigenes Spiegelbild anschaust und dich fragst, wann du eigentlich das letzte Mal ruhig durchgeatmet hast.
Und manchmal sitzt du da, erschöpft, genervt, überreizt und denkst dir: „Mein Kind ist so anstrengend, ich kann nicht mehr.”
Dieser Gedanke macht dich nicht zu einer schlechten Mutter oder einem schlechten Vater. Er macht dich zu einem Menschen mit begrenzten Ressourcen in einer dauerhaft fordernden Situation.
Denn wenn dein Spross dich manchmal an die Grenzen bringt, dann geht es oft nicht darum, dass es „schwierig“ ist, sondern darum, dass sein Nervensystem gerade überfordert ist. Und deins vielleicht auch. Kinder zeigen Stress nicht leise. Sie zeigen ihn laut, impulsiv und emotional. Sie brauchen dabei jemanden, der ihnen hilft, wieder in die Balance zu kommen.
Du musst nicht perfekt reagieren. Du musst nicht jede Situation sofort lösen. Und du musst auch nicht alles alleine schaffen.
Mit Verständnis für Entwicklung, kleinen Veränderungen im Alltag, klarer Kommunikation und, wenn nötig, Unterstützung von außen, kannst du Schritt für Schritt wieder mehr Ruhe in euren Familienalltag bringen.
Veränderung passiert nicht über Nacht. Aber sie beginnt oft genau da, wo du dir selbst erlaubst, ehrlich zu sagen: So schaffe ich das gerade nicht mehr. Denn genau in diesem Moment entsteht die Chance, neue Wege zu gehen, für dich und für dein Kind.




